Ich bin verliebt!

 

 

Ich will es sagen, ich bin verliebt und ja, es war nur eine Frage der Zeit. Aber ich bin schon recht ungeduldig gewesen. Begann nervös mit den Fingerspitzen auf den Bistrotischen zu tippeln. Letztlich musste es ja so kommen und dann erhält jeder Moment des Zweifelns, des Suchens, des Entscheidens und der Einsamkeit augenblicklich seinen Sinn. Alles findet dann zum Frieden und versöhnt sich. Sie ist wunderschön, dass muss ich so plump sagen, muss es fast stolz sagen, aber bitte gönnt es mir. Sie ist eine richtige Italienerin, älter als ich, aber das finde ich spannend, sie weiß was sie will. Sie hat Humor, was ich unheimlich wichtig finde. Nur ein lachender Mund küsst das Leben.


 

Ihre Erscheinung besteht aus reizenden Auffälligkeiten und versteckten Schönheiten, welche man entdeckt, umso länger man sie ansieht. Bei unserer ersten Begegnung haben meine Augen sie wie ein Flutlicht beleuchtet. Sie ist wundervoll unperfekt, hier und da weiß sie zu glänzen, dann ist sie die feine Dame, die niemand aufhalten, niemand bremsen kann in ihrem Temperament und ich bin ganz angetan und verzaubert von ihrer Natur. Dann bestaune ich sie. Hier und da hat sie aber auch herrliche, liebenswerte Schönheitsfehler, einen starken Charakter, Übermut, die liebevolle Liederlichkeit, die Lautstärke, wie das betretene Schweigen und dennoch besitzt sie jene elegante Einfachheit. Sie duftet nach frisch gewaschener Wäsche und nach einer Note feinen Parfums. Ich liebe es, sie zu riechen und mir die Nächte mit ihr um die Ohren zu schlagen.



Stil und Schabernack bewegen ihre Mundwinkel und sie strotzt vor Energie und Unternehmungslust. Sie ist bescheiden und familiär, sie liebt Kinder und isst für ihr Leben gern ohne das man es ihr je ansehen würde, ihre Figur ist grazil und doch sehr weiblich. Sie ist romantisch und liebt wie ich das Meer, sie hat mehrere Hunde zu Hause, tolle Menschen in ihrem Herzen, die mich bereits akzeptiert und herzlich aufgenommen haben, sie ist musikalisch, tanzt, segelt, sie flucht, sie flirtet, sie ist sexy, sie ist aufregend. Sie beschert mir ein neues Leben. Sie ist meine Leidenschaft, auf den ersten, doch besonders auf den zweiten Blick. Sie weckt längst vergessene Gefühle in mir.


 

Ihr Name ist Cagliari und sie hat mir sogar verziehen, dass ich mit Barcelona fremdgegangen bin und das ich so oft von meiner verflossenen, großen Liebe Leipzig spreche. Doch ich habe erkannt, ich bin schon zu alt für Spiele und sie hält mich wohlig warm im Winter und lässt mich vom Sommer träumen…

 

 

Wenn ich an die Woche in Barcelona zurückdenke (2. – 10.11.), dann habe ich anhaltende Freude und fröhliche Regungen in meinen Gedanken bündig und beständig eingelagert. Ein fein verschnürtes Päckchen mit bunten Bildern, Zeichen und gewechselten Worten. Fast zart und zerbrechlich.

Wenn ich allerdings von Barcelona spreche oder zu schreiben beginne, muss ich gleichsetzend von uns erzählen, denn aus uns bestand der Besuch der katalanischen Metropole und die Wahrnehmung Barcelonas als solches selbst.

 

Vielleicht ist es ein Gefühl welches mich an der Nordostküste Spaniens ergriff, vielleicht auch nur eine Farbe? Asphalt und Beton wie allerorten, aber ein weiches Licht dieses organische Barcelona mit seinem gaudischen Pepp-Pomp.

Ob ich es ohne uns mögen würde, kann ich vor Schreck nicht beantworten. Aber es fragt auch keiner. Zum Glück.

 

Ich skizziere: da waren Anja und Fred (Gerry) aus gemeinsamer Leipziger Zeit (und Gegenwart), sie ortsansässig, er über Cagliari aus Lyon hergereist. Dann kam noch Line (Yvi) aus Gran Canaria herüber gejettet, aus gemeinsamer Dresdner Zeit in Perth. Und es funkte auf Anhieb und knallte und ein alltägliches Leben in der Fremde gestaltete sich und gewöhnte sich herrlich. Und überall lauerten Gässchen auf, um entdeckt zu werden.


Anja Fred Line
  
  
  

Ich erinnere mich gut an die charakterstarken Viertel, in denen wir Schaufenster ansahen, deren Lockungen folgten und nicht widerstehen konnten, ich erinnere mich an Tapas, Aioli und neue Schuhe, an Spelunken und Sperrstunden, ich erinnere mich dunkel an die zahlreichen Weine, ich sehe Lachkrämpfe vor mir, denke an Geheimnisse, Gespräche und deren Anvertrauen.

 

An ein japanisches Buffet, an Meeresfrüchte nahe der Hauptverkehrsader, bzw. als ein Teil des Verkehrs, an meine Orientierungslosigkeit auf dem Weg zur Via d’Enric Granados, an „Weird Fishes“ in der grünen Linie der Metro, an das „Starter Kitt“ direkt an der Station „Badal“, bestehend aus Café con lecche und Croissants, ich denke an die Homestories, die wir uns ausdachten, an die Serien, deren Drehbücher wir schrieben, an so manche Stunde im zauberhaften Gràcia, bei Bier und Kaffee (Herrengedeck), erinnere mich an Stunden des Wartens aufeinander und ohneeinander, beispielsweise vor der Casa Milà, gelegentlich versöhnte dann ein Glas vom Roten und Espresso (Edelgedeck), ich denke gern an unser Zimmerchen bei „Gastfreund“ Boja und an den Morgen des 5.November auf dem Jeansbettbezug: „Gerry es ist 9 Uhr und Obama ist Präsident der Vereinigten Staaten, los geht’s!


 

Ich habe das Fòrum vor Augen mit seinem Sichtbeton, ich höre immer noch Depeche Mode’s „Precious“ während der Rast auf dem Sonntagsspaziergang ins Barceloneta, sehe die Bedienung zulächeln und Gerry und mich in schlagartigen Schweißausbruch geraten, ich sehe mich zu Lines Rückflug hetzen, sehe sie pünktlich zum Bording einchecken, ich spüre den Abschied immer noch und wie ich vorm Gate Wurzeln schlug, ich sehe mich gerührt im Park Güell zusammenfassen, ich spürte erstmals ein Gefühl von Herbst und spürte wie ich mit Barcelona fremdging und kein schlechtes Gewissen gegenüber Cagliari hatte.

 

Ich spüre immer noch den argfrühen Abschied von Fred, als er auf der Rolltreppe verschwand, darauf in einem Zug nach Montpellier und ich spürte, wie sich die Stränge verbanden, lösten und wie sie sich dehnten ohne zu reißen. Ich sah dennoch jeden von uns einen Schnitt machen, eine Frist setzen, eine Dauer beenden, die Spielart wechseln, ich sah jeden in eine neue Zeit pilgern und ich sah uns alle dankbar für die gepflückten, köstlichen Augenblicke. Lasst uns ein Wiedersehen schmieden, denn die Möglichkeiten, sie siegen.


 

 

 

 

 

 

 

 

Ilse Aichinger sagt: „Den Ankünften nicht glauben, wahr sind die Abschiede“ und ich stimme aufdringlich zu: „ja!“

Die Welt geht in ihren Augenblicken, die wahr waren, unter, aber wie wir es gemacht haben, bleibt in der Luft. Halten wir sie hoch, halten wir sie aufrecht.