„Viva la Sardegna“ : Identitätsstifter Sardiniens, ehemaliges Banditennest, Separatisten- und Hirtendorf in den Bergen, Kunststätte fernab von Meer und Zivilisation: Orgosolo liegt im Zentrum des zerklüfteten Supramonte-Gebirges im Herzen der Barbagia. Geschichten erheben sich in den blauen Schäfchenhimmel über das Weideland. La storia dell‘ identità

Im Widerstand gegen die zahlreichen Eroberer Sardiniens bildete sich eine Banditenkultur, 500 bewaffnete Orgolesen stürmten und plünderten beispielsweise 1894 den Ort Tortolì, um das Vermögen eines Großgrundbesitzers zu erbeuten. Von 1903 bis 1917 herrschte in Orgosolo eine blutige Familienfehde, Auslöser soll der Überlieferung nach der Streit um das Erbe des reichsten Orgolesen Diego Moro gewesen sein. Die Fehde teilte die Einwohnerschaft in zwei verfeindete Hälften und in diesen Jahren fielen der Blutrache mehr als 50 Menschen zum Opfer. Nachdem 1917 durch Prozesse eine Versöhnung erreicht zu sein schien, brach nach ca. 30 Jahren die Fehde wieder aus. Die Bedrohung der Blutrache, aber auch die Besetzung durch die Carabinieri und die willkürlichen Verhaftungen durch die  „festländischen“ Behörden trieb erneut Männer dazu, sich in den Bergen zu verstecken und somit häufig zum Bandit zu werden.

Die Unterstützung durch die Dorfbevölkerung gegen die verhassten Carabinieri war ihnen meist sicher. Orgosolo wurde so zum „Banditennest“ erklärt. 1961 wurde das englische Journalistenpaar Townley entführt und später ermordet – eine Tat, die schwer in die archaischen Regeln der Hirten und Gesetze der Blutrache einzuordnen ist. 

1969 errang die Dorfgemeinschaft einen friedlichen Sieg gegen den „Kontinent“: Auf dem Pratobello – dem traditionellen Weideplatz des Dorfes sollte ein NATO-Truppenübungsplatz entstehen. Als die Soldaten und Panzer anrückten, stellte sich ihnen jedoch quasi die gesamte Bevölkerung Orgosolos entgegen. Durch die Blockade der Straßen und Besetzung der Weiden konnte sie schließlich den Rückzug der Truppen erreichen.

Ein Dorf malt sich an… die Murales – das allererste der so bezeichneten Wandgemälde wurde 1968 von der anarchistischen Mailänder Gruppe Dioniso in Orgosolo gezeichnet. Der der Kommunistischen Partei Italiens nahestehende Zeichenlehrer Francesco del Casino aus Siena ließ sich später in Orgosolo nieder und begann 1975 mit Schülern, Bilder an die Wänder der Häuser zu malen. Anlass war der 30. Jahrestag des Partisanenkampfes gegen den Faschismus innerhalb Italiens.

Die Wandmalereien in Orgosolo drückten zunächst den Protest gegen den geplanten NATO-Truppenübungsplatz auf dem Pratobello aus. Auch gegen die Mailänder Konzern-Chefs, die Gelder des Aufbauplans für Sardinien veruntreut haben, richtet sich der Protest der Gestaltung.

Neuere Bildnisse kommentieren Weltpolitik und hinterfragen die Machenschaften innerhalb der westlichen Gesellschaft und deren Expansionen – so wird Helmut Schmidt wegen Stammheim als „Experte in Sachen Staatsmord“ bezeichnet.

Die Zahl der unschuldigen Opfer für den Sturz Saddam Husseins wird hinterfragt.

Andere Bilder stellen das einfache Hirten- und Dorfleben dar, setzen sich für die Erhaltung der Sardischen Sprache ein oder enthalten Parolen, Slogans und Zitate. 

„Dünger statt Patronen“

„Glücklich das Volk, was keine Helden braucht“ 

Viele der ca. 120 Murales orientieren sich stilistisch am Kubismus in der Art von Picassos Guernica,

aber auch realistischere Gemälde sind darunter, mit denen Persönlichkeiten gehuldigt wird.

Orgosolo ist kritisch bunt und ein Gegengewicht zu jenen, die behaupten Sardinien sei „bloß“ Land und Sand, Meer und Rind. Wenn man durch die Gassen der Hirtenmetropole schreitet, spürt man, dass sich hier eine Bevölkerung mit sich selbst identifiziert. Stolz ist, Widerstand geleistet zu haben und seinen Kindern Geschichtliches und „sich selbst“ anschaulich macht…

 

*** mehr Murales (?) press "Arte" ***


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